Anzeige
Themenwelten Bergedorf
Öko? Logisch!

Der Regen-Experte weiß, was vor Überflutung schützt

Der Chef der Wedeler Stadtentwässerung beschäftigt sich schon seit seinem Studium mit extremem Niederschlag

Christopher Seydewitz, Leiter der Wedeler Stadtentwässerung, kann die Auswirkungen starken Regens am Computer simulieren. FOTO: T. PÖHLSEN
Christopher Seydewitz, Leiter der Wedeler Stadtentwässerung, kann die Auswirkungen starken Regens am Computer simulieren. FOTO: T. PÖHLSEN

THOMAS PÖHLSEN  

Wenn Christopher Seydewitz Vorträge hält, zeigt er gern zwei Fotos von zwei Einfamilienhäuser samt deren Gärten. In einem hat der Besitzer großflächig Pflastersteine verlegt. „Das sieht fast wie der Parkplatz eines Discounters aus“, sagt der Chef der Wedeler Stadtentwässerung. Der andere Garten hat einen Teich, Beete, und der Rasen weist eine leichte Mulde auf.

Der Vergleich der beiden Bilder – die Häuser liegen übrigens direkt nebeneinander und wurden in der Schweiz fotografiert – sagt für den Ingenieur viel über Nachhaltigkeit, Klimawandel und die Möglichkeiten aus, die der Mensch hat, darauf zu reagieren. In die Pflege des parkplatzähnlichen Gartens muss der Besitzer wenig Zeit, Geld und Arbeit investieren. Abgesehen davon, dass das andere Grundstück im Auge manchen Betrachters als deutlich schöner erscheint, hat es noch einen weiteren Vorteil: Auf die immer häufiger auftretenden Starkregen sei der Besitzer des naturnahen Gartens weit besser vorbereitet, erklärt Seydewitz. Seine Schlussfolgerung: „Jeder Mensch kann Einfluss nehmen.“

Er muss es wissen, denn bereits während des Studiums hat der 48-Jährige sich mit diesen Folgen der globalen Erderwärmung beschäftigt – und Gegenstrategien entwickelt. Dass sich Häuslebauer mit einer nachhaltigeren Gestaltung ihres Gartens beschäftigen, erlebt er immer häufiger in der Beratungstätigkeit der Stadtentwässerung. Die städtische Behörde ist offen für die Fragen der Wedeler, gibt Tipps, organisiert bei Bedarf auch Informationsveranstaltungen.

Da sind zuerst ganz egoistische Motive der Hausbesitzer. Wenn bei einem sintflutartigen Guss das Wasser in einem Teich oder der Mulde eines Rasens aufgefangen wird und danach kontrolliert abfließen kann, sinkt die Gefahr von Überflutungen und vollgelaufenen Kellern. Je mehr Grundstücke in einem Wohngebiet auf die Auswirkungen von Starkregen ausgerichtet sind, desto geringer ist die Gefahr jeden einzelnen Hausbesitzer. Deswegen machen immer mehr Kommunen bei der Ausweisungen von Neubaugebieten Vorgaben für die Planer und die Grundstückskäufer, wie sie nachhaltiger bauen können.

Ein zweiter Bereich beschäftigt die Hausbesitzer, die den Kontakt zu den Entwässerungsexperten suchen: Ist das Haus ausreichend gesichert, wenn Starkregen die Kanalisation überlaufen lässt? Wer neu baut oder eine relativ neue Gebrauchtimmobilie erwirbt, muss sich wenig Sorgen machen. Durch Verordnungen ist der Einbau von Hebeanlagen und Rückschlagklappen bereits seit einiger Zeit vorgeschrieben. Wer ein älteres Haus erwirbt, sollte einen Fachmann mit einer kritischen Begutachtung beauftragen, rät Seydewitz.

Dass die Wedeler Stadtentwässerung beim Thema Starkregen so gut aufgestellt ist, ist auch ein Verdienst ihres Chefs. Seydewitz hatte sich bereits während des Studiums mit dem Klimawandel und den Auswirkungen auf die Abwasserentsorgung beschäftigt. So erarbeitete er im Jahr 2000 während eines Projekts für seine Diplomarbeit an der Fachhochschule in Hamburg ein Computermodell, mit dem die Auswirkungen größerer Regenmengen simuliert werden konnten. Auf dem Bildschirm ließ sich ein Punkt in dem Kanalisationsnetz anklicken, um zu sehen, was eine größere Regenmenge anrichten kann.

Diese Arbeit erwies sich als hilfreich, nachdem es 2002 in Wedel zu einem Regen mit überfluteten Straßen und vollgelaufenen Kellern gekommen war, wie es nach der Statistik nur einmal in 50 Jahren passiert. Messgeräte wurden an neuralgischen Punkten des Abwassernetzes aufgestellt, die zum Beispiel Wassermengen und Fließgeschwindigkeiten messen. Daraus konnten Hochrechnungen für extreme Regenfälle entwickelt werden, aus denen Lösungen entwickelt wurden. So war regelmäßig „Land unter“ in einer Senke der Bahnhofstraße nahe der Kreuzung Tinsdaler Weg, Hafenstraße und Rollberg. Das Regenwasser fließt in der Kanalisation von dem Kreuzungsbereich in Richtung Bahnhofstraße, ergab die Simulation. Seydewitz’ Vorschlag, die Leitung einfach im Kreuzungsbereich in Richtung Bahnhofstraße zuzumauern, traf anfangs auf Skepsis, war jedoch von Erfolg gekrönt, wie spätere Starkregenfälle bewiesen.

Sein Wissen als Klimaschutz- und Starkregenexperte gibt der Stadtentwässerungs-Chef bei Vorträgen und in Workshops weiter. Bei Laien wie Experten macht er dabei das gleiche Problem aus. „Noch nicht überall ist das Problembewusstsein ausgeprägt“, sagt er.

Die neuen Herausforderungen durch den Klimawandel finden ihren Niederschlag in der Planungen neuer Baugebieten wie dem Projekt am Steinberg mit insgesamt 140 Wohnungen. So findet sich neben dem Weg eine Grünfläche. Früher wurden Grün, Kanalisation sowie Straßen und Fußwege getrennt geplant. Heute will die Stadtplanung integrative Lösungen schaffen. Etwa kann neben einem Fußweg eine Grünfläche mit mehreren ineinander übergehenden Mulden gestaltet werden, in denen im Fall eines Starkregens Wasser erst gesammelt und dann langsam abgeleitet wird. Ziel ist es, den Starkregen möglichst lange vor Ort zu belassen und dann kontrolliert abzuleiten, so Seydewitz. Absolute Sicherheit mag der Klimawandel-Experte dennoch nicht versprechen. Er sagt: „Wir haben sehr viel getan, doch Überschwemmung sind niemals ganz auszuschießen.“
Weitere Artikel