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Jubiläumsausgabe

Ahrensburger Journalistin Petra Sonntag: Der Skandal, der Stadt und Kirche erschütterte

Missbrauch in Ahrensburg: Journalistin Petra Sonntag erinnert sich an das Jahr 2010

Winter 2010: Eine Mahnwache der initiative Missbrauch in Ahrensburg vor der Schlosskirche. Foto: Petra Sonntag 
Winter 2010: Eine Mahnwache der initiative Missbrauch in Ahrensburg vor der Schlosskirche. Foto: Petra Sonntag 
Petra Sonntag

:: Das Entsetzen stand den Kolleginnen und Kollegen ins Gesicht geschrieben, als Redaktionsleiter Ralph Klingel-Domdey im Mai 2010 in der Konferenz von einem Informantengespräch berichtete. Demnach hatte es im Ahrensburger Gemeindebezirk Kirchsaal Hagen der evangelisch-lutherischen Kirche ende der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben. Pastor Dieter K., seit 2001 im Ruhestand, wurde von seinem ehemaligen Stiefsohn, Sebastian Kohn, vorgeworfen, ihn und weitere Jungen und Mädchen missbraucht zu haben.

Ich kannte Dieter K. flüchtig – sein Sohn und meine Tochter besuchten dieselbe Tagesmutter. Bis dahin war er mir nur durch seine fast 40 Jahre jüngere Frau aufgefallen. Sofort überlegte ich, ob meine Tochter jemals zum Spielen bei Familie K. gewesen war. Dieser freundliche ältere Herr sollte Pädophil sein? Mein Gott. Nicht nur wir, sondern auch Ahrensburgs Gotteshäuser und Gemeindeglieder waren in den Grundfesten erschüttert.
  
Die Vorwürfe lösten ein Beben aus, von dem sich die Kirche nicht so schnell erholen sollte. Denn eine junge Frau, zu der Dieter K. jahrelang ein sexuelles Verhältnis unterhalten hatte, als diese minderjährig war, hatte sich bereits im März mit einem Brief an Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen gewandt und um Aufklärung der vergangenen Geschehnisse gebeten. Sie stieß dieses Mal auf offene Ohren. Wegschauen war unmöglich geworden. Bei unserer Recherche sprach ich mit amtierenden Pastoren und Pastorinnen, die gleichzeitig bedrückt und erleichtert wirkten. Bedrückt, weil ein Kollege unsägliches Leid auf viele Schultern geladen hatte. Und erleichtert, weil das, was in all den Jahren wenig greifbar, aber von dunklen Ahnungen behaftet im Raum stand, endlich ans Licht kam. Denn es war kaum vorstellbar, dass bei mutmaßlichen Übergriffen im mindestens zweistelligen Bereich das Umfeld nichts bemerkt hatte.
  
Die Ahrensburger Journalistin Petra Sonntag. Foto: Cornelia Hansen
Die Ahrensburger Journalistin Petra Sonntag. 
Foto: Cornelia Hansen
Als wir K.’s Kollegen, den inzwischen verstorbenen Pastor Friedrich Hasselmann, mit den Vorwürfen konfrontierten, räumte er im Interview ein, sich mitschuldig gemacht zu haben. Das Mädchen, das 2010 mit ihrem Brief den größten Missbrauchsskandal der evangelischen Kirche ans Licht brachte, hatte sich bereits 1990 an ihn gewandt und von den Übergriffen berichtet. Hasselmann stellte daraufhin den Kollegen zur rede und wendete sich später von ihm ab. Mehr nicht. Als das Mädchen sich neun Jahre später an die damalige Pröpstin Heide Emse wandte, sorgte diese zwar für eine Versetzung von Dieter K., doch es wurde kein Disziplinarverfahren eingeleitet. Aufklärung sieht anders aus.
  
Rückblickend zolle ich Friedrich Hasselmann meinen Respekt für sein öffentliches Schuldbekenntnis, auch wenn es eine Flucht nach vorn war. Er stellte sich ins Licht, obwohl seine Vergangenheit selbst dunkle Seiten aufwies. Denn im Verlauf der Untersuchungen kam heraus, dass er während seiner Amtszeit selbst sexuellen Kontakt zu Schutzbefohlenen hatte. Als bis dahin hoch angesehener Würdenträger in Ahrensburg verlor er 2010 unwiederbringlich sein ansehen.

Um ihren Ruf fürchteten nicht wenige in dieser Zeit. Wir stießen bei unserer Recherche immer wieder auf Mauern des Schweigens, die unter Androhung juristischer Konsequenzen und dem Versuch, uns zur Offenlegung unserer Quellen zu zwingen, eilig verteidigt wurden. Es war mitunter wenig christlich, wie ehemalige Würdenträger der Kirche reagierten. Dieter K. selbst sprach zu keinem Zeitpunkt mit uns. Doch erschütternder fand ich persönlich die Tatsache, dass eine Gemeinde mehr als 30 Jahre weggesehen, vertuscht und geleugnet hatte, was unter ihren Augen geschah. Wie vielen opfern wäre wohl Leid erspart geblieben, wenn es an Eitelkeit und nicht an Mut gemangelt hätte?
  
Aus journalistischer Sicht waren es die wahrscheinlich bewegendsten Jahre der Stormarn-Redaktion seit ihrem Bestehen. Wir arbeiteten zeitweise mit Kollegen von „Spiegel“ und NDR zusammen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Als Bischöfin Maria Jepsen in einer Pressekonferenz ihren Rücktritt verkündete, weil wir ihr nachgewiesen hatten, dass sie bereits vor 2010 von den Vorfällen in Ahrensburg erfahren hatte, durch die Schwester eines Opfers, erlebte ich die Macht unserer Berichterstattung. Ohnmächtig schien hingegen die Kirche, die zwar Disziplinarverfahren einleitete und externe Experten zur rückhaltlosen Aufklärung der Vorfälle bemühte, aber durch ungeschicktes Agieren das Vertrauen von Opfern und Mitgliedern gleichermaßen verlor.

Fakt ist: Die Ahrensburger Kirchengemeinde hat ihre Unschuld verloren. Andere haben dadurch schwerere Verluste hinnehmen müssen.
  

Als Uwe Seeler meine Irrfahrt durch Grabau beendete

Arne Bachmann ist seit 2012 freier Mitarbeiter bei der Regionalausgabe Stormarn. Vor allem kümmert er sich um Fußball. Foto: Jaklitsch
Arne Bachmann ist seit 2012 freier Mitarbeiter bei der Regionalausgabe Stormarn. Vor allem kümmert er sich um Fußball. 
Foto: Jaklitsch


:: „Ziel erreicht!“ Zu einem meiner ersten Einsätze schickte mich die Redaktion abends zum Grabauer Mehrzweckhaus, wo Uwe Seeler auftreten sollte. Doch das Navi führte mich an die abgelegenste Stelle des Ortes. Nach langer Suche kam mir auf irgendeinem Schotterweg ein Auto entgegen. In meiner not fragte ich in das Dunkel hinein nach dem Weg und durfte folgen. Am Mehrzweckhaus angekommen stieg aus jenem Auto: Uwe Seeler. Ziel erreicht! Arne Bachmann 

Schöner Schiet: Wie ich einmal richtig viel Gegenwind bekam

Alexander Sulanke, heute Leiter der Abendblatt-Regionalausgabe Pinneberg. Foto: Birgit Schücking
Alexander Sulanke, heute Leiter der Abendblatt-Regionalausgabe Pinneberg. Foto: Birgit Schücking
:: Manchmal rauscht es heftig im Blätterwald, manchmal weht der Wind von vorn ins Gesicht, manchmal stinkt es einem gewaltig. Und manchmal passiert all das in einem einzigen Augenblick.

Es ist in meinen jüngeren Reporter-Jahren, da ich so geniale Nachrichten aufschreiben darf wie dass die Bäume im Herbst ihr Laub abwerfen. Klarer Fall: Bei so einem Thema muss schon ein spektakuläres Foto her. Also beginne ich, Wind zu machen. Beziehungsweise bitte ich jemanden um Hilfe, der das noch besser kann.

Ein Anruf beim Ahrensburger Bauhof: Hallo, ob Sie wohl einen Laubpuster haben? Klar, den haben wir! Treffpunkt in einer Stunde an der Kastanienallee. Und was für ein Laubpuster das ist. Sieht aus wie der Antrieb eines Propellerbootes in den Everglades Floridas. Hallo, ob Sie mich wohl mal anpusten können, fürs Foto und so? Klar, das kann ich! Dann rauscht es im Blätterwald, weht der Wind von vorn ins Gesicht, stinkt es gewaltig. Denn was ich nicht bedacht habe: auf dieser Wiese erledigen auch Hunde ihr großes Geschäft. Das Foto ist spektakulär geraten. Meine Kleidung, mein Gesicht, meine Haare und meine Kamera sind wieder sauber geworden. Aber die Geschichte haftet mir immer noch an, auch fast zwei Jahrzehnte danach. Alexander Sulanke
  
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