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Das Jahr 2020 hat vieles verändert – auch die Art, wie intensiv wir unsere Wohnungen nutzen. Die Einrichtungsbranche profitiert davon

Auf dem Rückzug ins eigene Zuhause

Helle, natürliche Farben, ein bequemes Sofa, viel Licht von draußen – und abends ein Kaminfeuer: Wer jetzt viel zu Hause ist, weiß eine schöne Einrichtung noch mehr zu schätzen als sonst. FOTO: ROLF BENZ

War noch in den vorigen Jahren der Wunsch nach Rückzug in die eigenen vier Wände ein Ausdruck des Bedürfnisses, sich selbstbestimmt vom hektischen Arbeitsalltag zu erholen, sind die Menschen in diesem Jahr gezwungen, sich in ihre Wohnungen und Häuser zurückzubegeben. Durch Homeoffice, Reisebeschränkungen und Veranstaltungsabsagen verbringen die meisten Menschen 2020 mehr Zeit zu Hause als sonst. Die freien finanziellen Mittel werden in der Krise stattdessen in Dinge investiert, die das heimische Wohlbefinden steigern. Da wird dann auch die Einrichtung auf den Prüfstand gestellt.

„Die Budgets werden zugunsten der Wohnung umgeschichtet und lang gehegte Renovierungs- und Anschaffungswünsche umgesetzt“, erklärt Jan Kurth, der als Geschäftsführer des Verbandes der Möbelindustrie den Einrichtungsmarkt beobachtet. Und die veränderten Lebens- und Wohnsituationen ziehen neue Möblierungswünsche nach sich.
 

Michael Eck sieht diesen Trend tagtäglich in seinem Hamburger Einrichtungshaus „Die Wäscherei“ bestätigt. „Wir haben geradezu einen Ansturm auf Möbel und Accessoires. Und haben noch nie erlebt, dass sich die Menschen so massiv nach neuen Möbeln, Einrichtungsideen und Accessoires umsehen“, erzählt der Wohnexperte. Auch die Küchenhersteller vermelden in diesen Monaten Zuwachszahlen.


"Die Menschen greifen beim Geschirr zu Knallfarben und aufwendigen Mustern"

Michael Eck, Möbelhaus „Die Wäscherei“


Durch die Tätigkeit im Homeoffice entfällt der Besuch der Betriebskantine, Restaurantbesuche werden vermieden. Die Folge: Der heimische Herd erhält eine ganz neue Bedeutung. Da soll die Küche nicht nur einen funktionalen Rahmen bieten, sondern auch gestalterisch punkten, insbesondere, weil Ess- und Wohnbereich heutzutage meist fließend ineinander übergehen. „Wir verkaufen seit einigen Monaten deutlich mehr Geschirr und bemerken, dass die Menschen in diesen tristen Zeiten mutig zu Knallfarben und aufwendigen Mustern greifen“, erklärt Michael Eck.

Für diese Tendenz, sich in die Privatheit zurückzuziehen und die Umgebung ansprechend zu gestalten, hat die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn bereits in den 1980er-Jahren den Begriff des „Cocooning“ kreiert. Der Begriff bezeichnet eigentlich die Verpuppung von Insekten, die sich als Larve für ihre Entwicklung zum ausgewachsenen Insekt in einen Kokon einspinnen. Soziologen assoziieren diesen Trend mit dem Zusammentreffen politischer und gesellschaftlicher Krisenzeiten

Die Küche wird durch Homeoffice und Lockdown light wieder wichtiger. Sie sollte deshalb nicht nur gut aussehen, sondern auch praktisch sein. FOTO: ISTOCK
Die Küche wird durch Homeoffice und Lockdown light wieder wichtiger. Sie sollte deshalb nicht nur gut aussehen, sondern auch praktisch sein. FOTO: ISTOCK

„Natürlich sind ein bequemes Relaxersofa oder knuffige Sessel mit Zusatzfunktionen wie beispielsweise einem ausfahrbaren Fußteil oder auf Knopfdruck verstellbare Rückenlehnen ein wichtiges Wohlfühl-Möbelstück in diesen Zeiten“, erklärt Eck. Kann man sich dann noch in eine Decke kuscheln, ist Entspannung garantiert. Ganz besonders gefragt sind in diesem Jahr aufwendig genähte Modelle aus Fellimitat, die besonders voluminös und weich sind. Dazu passen viele Kissen in unterschiedlichen Formaten, die das Sitzvergnügen definitiv erhöhen. Ganz oben auf der Einkaufsliste stehen zurzeit Teppiche (siehe nächste Seite). Insbesondere Holz- oder Steinböden können ohne Teppich kahl wirken. Mit ihnen lässt sich der Raumeindruck beeindruckend verändern. Er ist nicht nur ein Fußschmeichler, sondern definiert zudem einen abgegrenzten Bereich. So bilden sich Wohnzonen, die optisch Gemütlichkeit schaffen.

Rückzug und Entspannung assoziieren viele Menschen mit Kaminfeuer. Seit Jahrhunderten versammeln sich Menschen um das Feuer als Ort der Begegnung und Gemeinsamkeit. Der Einbau einer offenen Feuerstelle verlangt nicht nur bestimmte bauliche Voraussetzungen, sondern ist auch mit hohen Kosten verbunden. Wer trotzdem von einem Kaminfeuer träumt, kann auf eine Feuerstelle „to go“ zurückgreifen. Statt loderndem Holz brennt Bio-Ethanol, das nach den gesetzlichen Vorschriften keinen Schornstein benötigt, da es keinen Rauch entwickelt. Die Handhabung ist extrem unkompliziert, und viele Modelle können je nach Wunsch zum Lieblingsort in der Wohnung mitgenommen werden. Ein schöner Nebeneffekt.

Im Sommer wandern die modernen Feuerstellen mit auf den Balkon oder in den Garten. Ein wichtiger Wohlfühlfaktor, der häufig als solcher übersehen wird, ist das passende Licht. Dabei ist natürlich wichtig, dass die Leuchte ihre Funktion beispielsweise als Lese- oder Arbeitslicht erfüllt. Aber insbesondere die Wahl des Leuchtmittels entscheidet darüber, ob wir uns in einem Raum wohlfühlen oder eben nicht. Stephanie Bader, die als Lichtexpertin für den Hamburger Occhio-Flagship-Leuchtenstore Raumkonzepte entwirft, ist der festen Überzeugung, dass die Halogenlampe ein Auslaufmodell ist. Sie rät dazu, sich in jedem Fall für ein LED-Leuchtmittel zu entscheiden. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass es große Qualitätsunterschiede bei den Leuchtmitteln gibt“, erklärt Stephanie Bader. Die meisten kennen die Kategorisierung in „warmes“ und „kaltes“ Licht. Für die Qualität des Lichtes – und sie entscheidet maßgeblich, ob wir uns mit dem Licht wohl fühlen – ist der sogenannte CRI-Wert entscheidend. Er gibt an, wie natürlich die Farben der Umgebung unter einer Lichtquelle wirken. Natürliches Tageslicht hat den optimalen Wert von 100, sehr gute Leuchtmittel erreichen einen Wert von 95 bis 97. Liegt der Wert weit darunter, empfinden wir das Licht als fade und fühlen uns intuitiv nicht wohl. Susanne Speckter


Jetzt daheim für Stimmung sorgen

Räume & Träume

Draußen ist es kalt, es wird früh dunkel und spät hell – und selbst tagsüber mag oder kann man nicht mehr so frei rumlaufen wie in Zeiten ohne Pandemie. Zudem haben nach wie vor – oder schon wieder – viele Hamburger ihr Büro ins Homeoffice verlegt, ich übrigens auch. Wohl dem, der in diesen schwierigen Zeiten ein gemütliches Zuhause hat.

Wer sich nicht mehr frank und frei mit Freunden verabreden kann, wer ohne Mittagstisch oder abendlichen Restaurantbesuch, ohne Kino und Theater und leider auch ohne Weihnachtsmarkt durch die nächsten Wochen (und vielleicht noch Monate) kommen muss, der lernt seine eigenen vier Wände jetzt noch einmal ganz anders kennen als bislang. Die Küche wird tatsächlich wieder zum Kochen benutzt, die Kerzen im Wohnzimmer oder gar ein Kamin wärmen die Herzen, das Weinregal ist nicht mehr nur Deko, sondern rückt endlich einen guten Tropfen heraus. Seien wir ehrlich: So schlecht geht es uns doch gar nicht, den meisten jedenfalls – wenn wir uns daheim denn wohlfühlen.

Tun wir es nicht, ist wahrscheinlich ein wenig neues Interieur nötig. Denn mit den richtigen Möbeln, etwas Dekoration, vor allem aber mit ein paar neuen Farben und Stoffen und vielleicht auch mit einem neuen Teppich lässt sich schon einiges verändern. Lassen Sie sich inspirieren, die Einrichtungshäuser sind ja zum Glück weiterhin geöffnet – und können für den einen oder anderen vielleicht sogar mal großes Kino sein oder wie Musik in den Ohren klingen. Georg J. Schulz

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